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Sein anderes Gesicht
Der Prinz von Homburg in Frankfurts Katakombe

Noch zu besiedelnde Unruhe suggeriert das Bühnenbild aus Podesten. Von seinem Spielzeug gelangweilt, könnte ein Riesenkind das Ensemble der Dinge stehengelassen haben . . .
Das kleine Haus hat sich  - in einer Bearbeitung von Marcel Schilb - Kleists "Prinzen von Homburg" zugewandt. Es ist die Rede von der Schlacht bei Fehrbellin (der Untertitel). Sie steht bevor, als der Kurfürst von Brandenburg am Stock zur großen Lage geht. Hartmut Stroth spielt das eminente Humpelbein in Verkehrung historischer Tatsachen . . .
In  der Katakombe erscheint statt des Prinzen eine Prinzessin. Mirjam Tertilt atmet für die Empfindsamkeit des somnabulen Hessen. Sie macht etwas Schönes aus dem Offizier mit ADS. In der Schauspielerin wird die Doppelgesichtigkeit des Prinzen zur Person . . . Er scheint auch noch in einem anderen Fieber, so verliebt ist er in Natalie, die mit Christine Richter auftritt. Also spielen zwei Frauen ein Liebespaar in der Geschlechterspannung. Man ahnt ein Einverständnis, dass es im Leben selten gibt; das ist ein lunarer Effekt auf der Bühne.
Der Kurfürst verät sich mit ironischen Prisen. Ihm ist nicht nach Despot zumute, er duzt sich schwer entre nous mit seinem Militärchef, den Gabriele Nickolmann als schon sehr aufgeklärten Hagestolz entwickelt. Ja, die Herrschaften handeln nach den Maximen einer späteren Epoche . . . der Prinz hat seinen Spaß im Gefecht und in the air is love.
Stroths Kurfürst zeigt einen Prinzipienreiter mit begrenztem Vertrauen in sein  Regime. Der Fatalismus der Geschichte schreddert die Story - die Geschichte: ein Alptraum, die Liebe: eine Kalamität.
Kleists Extremismus bindet sich an vollendete Prosa. Man kommt dem Dichter auf die Schliche: "Im Tod zu siegen wissen", heißt hier Trost. Es ist gut, daran einmal wieder erinnert zu werden in dieser unbedingt sehenswerten Aufführung.
FRANKFURTER RUNDSCHAU

Auf Distanz zum guten Helden
"Der Prinz von Homburg" in der Frankfurter Katakombe
. . . Zwei Jahrhunderte nach dem Freitod des Autors Heinrich von Kleist hat sich die Katakombe auf eine Neuinszenierung des Dramas eingelassen, in der der karg möblierte und düster beleuchtete Bühnenraum tatsächlich die Stimmung eines Grabgewölbes verbreitet . . . Dazu passt eine Folge romantischer und melancholischer Melodien wie "Im schönsten Wiesengrunde" oder "Die blauen Dragoner", die das Soldatenhandwerk in einem gütigen Licht erscheinen lassen . . . Wo sich alle so tadellos verhalten haben, muss sich der Zuschauer um des Krieges Anlass und Ziele keine Gedanken machen . . . er wird versöhnt entlassen.
Einen Gedanken machen sollte man sich aber darum, wie ein romantischer Träumer und Schöngeist sich so unreflekiert ins Gemetzel stürzen kann. Erst hätte er fast den Beginn der Bataille verschlafen, noch hängt er der nächtlichen Erinnerungen  mit einem amourösen Souvenir nach, schon wandelt er sich zum verwegenen Draufgänger. Die einehmenden wie die abstoßenden Seiten des Helden wurzeln möglicherweise in den selben Trieben.
Dem wird in der Katakombe nicht nachgegangen, aber Regie und Ensemble distanzieren sich vom glücklichen Ende in einem schon sakral wirkenden Schlussbild mit einem Leichenhaufen in Rotlicht und Nebel.
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG